Dein Hirn verstehen

Alles zur Betreutes Fühlen-Folge

5 Lektionen aus der neusten Hirnforschung für deinen Kopf! Wir reisen mit dir durch den spannendsten Ort des Universums: das Gehirn. Wer sein Hirn wirklich versteht - und wir helfen dir dabei - hat mehr von ihm. Liebe, Prägung, Intelligenz klären wir alles für euch.

Revolutionäre Hirnforschung

Dr. Lisa Feldman Barretts Forschung in den Bereichen Psychologie und Neurowissenschaften ist revolutionär. Die Professorin der Northeastern University in Boston hat zwei spannende Bücher herausgebracht (beide bisher nur auf Englisch): »How Emotions are Made« und »Seven and a Half Lessons About the Brain«. Wir schauen heute rein, welche »Lessons« Frau Dr. Barrett für uns über das Hirn hat. Wir tauchen ab in unser Hirn! Los geht’s mit Lektion 1.

Lektion 1: Dein Gehirn ist nicht zum Denken da

Was ist die wichtigste Aufgabe des Gehirns? Es ist nicht zu denken, wie man vielleicht annimmt.

Natürlich denkt und fühlt unser Gehirn und stellt sich hunderte von Erfahrungen vor. Aber all diese geistigen Fähigkeiten sind Folgen einer zentralen Aufgabe, nämlich uns am Leben und gesund zu erhalten. Unser Hirn verwaltet unser Körperbudget, wie Barrett es nennt.

Es ist wie bei einem Finanzbudget. Einnahmen und Ausgaben des Geldes werden erfasst. In einem Budget für unsere Körper werden Ressourcen wie Wasser, Salz und Glukose in ähnlicher Weise erfasst. Jede Handlung, die Ressourcen verbraucht, wie Schwimmen oder Laufen, ist wie eine Abbuchung vom Konto. Aktionen, die Ressourcen wieder auffüllen, wie Essen und Schlafen, sind wie Einzahlungen.

Lektion 2: Kleine Gehirne verbinden sich mit ihrer Welt

Wie formt sich unser Gehirn? Klar, stecken Anlagen zur Entwicklung in unseren Genen. Aber viel wichtiger ist für kleine Säuglingshirne, welche Erfahrungen sie mit ihrer Umgebung machen. In Interaktion mit der Umwelt werden Nervenzellen im Kopf verdrahtet, die wichtig sind (»tuning«) und es wird gelöscht, was nicht wichtig ist (»pruning«).

Es ist vor allem, die soziale Interaktion mit den Eltern, die Babys unbedingt brauchen. Diese Nähe ist überlebensnotwendig für die kindliche Entwicklung. Viele soziale Dinge, die wir tun, wie Kuscheln und Reden, formen das Gehirn von Säuglingen auf spannende und wichtige Weise.

Diesen Einfluss, den die Umwelt, insbesondere Eltern auf ihr Kinder haben, ist nicht zu unterschätzen, sagt Barrett. 

Lektion 3: Dein Gehirn arbeitet heimlich mit anderen Gehirnen zusammen

Neurowissenschaftliche Forschung fand heraus, dass wir gegenseitig unsere Körperbudget regulieren, also die Art und Weise, wie unsere Gehirne unsere körperlichen Ressourcen verwalten.

Familie, Freund:innen, Nachbarn und sogar Fremde tragen zur Struktur und Funktion Ihres Gehirns bei. Diese Koregulierung hat messbare Auswirkungen. Wenn wir mit jemandem zusammen sind, der uns etwas bedeutet, synchronisiert sich z.B. Atmung und Herzschlag. Wir atmen im gleichen Rhythmus und unser Herz schlägt im selben Beat.

Diese Einflüsse von anderen auf unser Hirn können positiv, aber auch negativ sein. Ein böses Wort vom Partner kann beispielsweise dazu führen, dass dein Gehirn eine Bedrohung vorhersagt und den Blutkreislauf mit Hormonen überschwemmt, wodurch wertvolle körperliche Ressourcen verschwendet werden.

Barrett zieht das Fazit: Das Beste für unser Nervensystem ist ein anderer Mensch. Das Schlimmste für unser Nervensystem ist ebenfalls ein anderer Mensch.

Lektion 4: Gehirne bilden mehr als eine Art von Geist

Wir hätten so gerne, dass es die eine menschliche Natur gibt. Die Wahrheit ist aber, dass unser Verstand sich formt. Zum Beispiel unterscheidet sich unser Kopf von einem balinesischen, wenn wir einem Löwen gegenüberstehen. Während wir aus Angst erstarren, weglaufen oder das Tier angreifen, schlafen Menschen aus Bali ein. Das ist ihre Angstreaktion. Das klingt seltsam, ist es aber nicht. Jeder Verstand tickt anders.

Diese Erkenntnis ist uns nicht geheuer. Hätten wir es doch so viel lieber, dass wir unsere Gehirne in Kategorien einteilen können. Wir sortieren die Menschen in hübsche kleine Kästchen mit Etiketten. Manche Menschen werden z.B. als warmherzig eingestuft, andere als kalt. Mit dieser Einteilung wird versucht, Merkmale des Geistes zu identifizieren, die für die gesamte Menschheit gültig sind. 

Barrett hält dem entgegen: »Soweit ich das beurteilen kann, hat der menschliche Verstand keine universellen Definitionsmerkmale.« Das heißt, es gibt so viele Arten von Gehirnen, wie es Menschen auf der Welt gibt. 

Lektion 5: Unsere Hirne erschaffen ihre eigene Realität

Der größte Teil deines Lebens spielt sich in einer erfundenen Welt ab. Wir leben in einer Stadt, deren Name und Grenzen von Menschen erfunden wurden. Deine Straßenadresse wird mit Buchstaben und anderen Symbolen geschrieben, die ebenfalls von Menschen erfunden wurden. Wir können Bücher und andere Waren mit etwas erwerben, das »Geld« genannt wird und aus Papier-, Metall- und Plastikstücken besteht, die ebenfalls komplett erfunden sind.

Barrett fasst es so zusammen: Wir leben in einer Welt der physischen Realität und schaffen eine soziale Realität, die nur in unserem menschlichen Gehirn existiert. Bäume sind real. Sie sind Teil der physischen Realität. Wie wir sie benennen und was wir mit ihnen verbinden, ist soziale Realität. Das gleiche gilt für Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, mit verschiedenen Berufen oder Geschlechtern. Da sind wir wieder bei den Schubladen von vorhin.

Barrett schreibt, dass uns das Schaffen einer sozialen Realität von allen anderen Spezies unterscheidet.

Das Gute an sozialer Realität, wir können sie verändern! Das ist eine Superkraft, der wir uns bewusst werden sollte. Oder wie Barrett sagen würde: Eine Superkraft funktioniert am besten, wenn man weiß, dass man sie hat.


QUELLEN

Website von Dr. Lisa Feldman Barrett: www.lisafeldmanbarrett.com

Website mit ganz viel Hintergrundinfos zum Buch: www.sevenandahalflessons.com

Lisa Feldmann Barretts Bücher:

Barrett, L. F. (2020). Seven and a Half Lessons about the Brain. Boston: Houghton Mifflin Harcourt.

Barrett, L. F. (2017). How emotions are made: The secret life of the brain. Pan Macmillan.

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