Gute schlechte Laune

Alles zur Betreutes Fühlen-Folge

Klimakatastrophe, Pandemie, Krieg. Grund genug für schlechte Laune. Was viele nicht wissen, in dem Moment passiert etwas Wichtiges in unserem Kopf. Wir schalten scharf! Fokus hoch, Gedächtnisleistung steigt und wir machen weniger Fehler. Alles kein Grund die schlechte Laune zu suchen. Aber gleichzeitig alles Pluspunkte, die wir in dem Moment kennen sollten.

Bipolare Störung – die extreme Suche nach positiver Stimmung

Wir sind in unserer Gesellschaft darauf fokussiert, positive Gefühle erleben zu wollen. Die meisten Menschen stellen sich gerne vor, dass das normale Leben glücklich ist und dass andere Zustände Anomalien sind, die einer Erklärung bedürfen. [1]

Bei der bipolaren Störung findet sich dieses Streben nach positiven Emotionszuständen im Extremen. Dabei wechseln sich manische Episoden mit depressiven Episoden ab. Das heißt, in depressiven Phasen fühlen sich Betroffene niedergeschlagen und antriebslos. Eine manische Phase kennzeichnet sich durch übertrieben gute Laune, erhöhte Leistungsfähigkeit und ein intensives Hochgefühl. Menschen mit einer bipolaren Störung suchen bevorzugt nach Situationen, die Freude auslösen und fokussieren sich dabei auf kurzfristige Hochgefühle, die auf Kosten von langfristigen Zielen gehen. Sie kämpfen dabei oft mit »Gewalt« gegen eine negative Stimmung. [2]

Gute schlechte Laune

Der australische Sozialpsychologe und Professor an der University of New South Wales in Sydney, Prof. Joseph Paul Forgas, erforscht unter anderem unsere negativen Gefühlszustände. Dabei hat er herausgefunden, dass schlechte Laune nicht nur schlecht ist. Was soll an ihr gut sein? Das hat der Professor Leon im Gespräch erklärt.

Schlechte Laune, gutes Gedächtnis

Forgas hat in mehreren Studien untersucht, wie sich unsere Stimmung auf unser Gedächtnis auswirkt. In einem Experiment untersuchte er z.B. was schlechtes Wetter mit der Erinnerung macht, wenn Versuchspersonen in einem Laden gehen und danach gefragt werden, an wie viele Details vom Einkauf sie sich erinnern. [3]

Das Ergebnis war, dass sich Kund:innen mehr Informationen über das Innere des Ladens merken konnten, wenn sie in negativer Stimmung waren (an regnerischen, kalten Tagen), als wenn sie in positiver Stimmung waren (an sonnigen, warmen Tagen).

Mit schlechter Laune urteilt es sich besser

Wir alle unterliegen kognitiven Verzerrungen, die unser Gehirn ständig an den Tag legt. Spannend ist, dass wir diesen weniger zum Opfer fallen, wenn wir in schlechter Stimmung sind. Eine Studie von Forgas zeigte das bei Richter:innen. Die Versuchspersonen lasen in positiver oder negativer Stimmung einen einseitigen philosophischen Essay. Dieser Seite war ein Foto des/der Autor:in beigefügt: entweder war eine leger gekleidete Frau auf dem Bild zu sehen oder einen Mann mit Jacket und Schnauzbart. Zufriedene Richter:inne wurden signifikant stärker durch das Aussehen der Zielperson beeinflusst. Bei negativer Stimmung zeigte sich dieser Effekt nicht. [4]

Gute Laune macht leichtgläubig

Wenn wir schlechte Laune haben, sind wir skeptischer, fand Forgas in einer Untersuchung 2019 heraus. [5] Gut oder schlecht gelaunte Versuchspersonen sahen in diesem Experiment ein Video eines Verhörs. In negativer Stimmung fiel durch die Proband:innen häufiger ein Schuldurteil, u.a. weil sie Gesichtsausdrücke weniger schnell als echt akzeptierten als Personen mit neutraler oder positiver Stimmung.

Weniger Vorurteile durch schlechte Laune

Sind wir in negativer Stimmung, kann das zu weniger Stereotypisierung führen. In einer Studie wurden Teilnehmer:innen in positiver oder negativer Stimmung gebeten in einer Computersimulation nur auf Personen zu schießen, wenn diese eine Waffe trugen. Die Zielpersonen auf den Fotos unterschied zudem, ob sie einen Turban trugen oder nicht. Die Tendenz, auf Menschen mit Turban zu schießen, war insgesamt größer. Allerdings verringerte eine negative Stimmung diese diskriminierende Tendenz, während ein positiver Affekt sie verstärkte. [6]

Zusammengefasst sagt Prof. Forgas, dass unsere schlechte Laune wie eine Art Alarmsignal wirkt, das unsere Aufmerksamkeit auf mögliche Gefahren lenkt. 

Wie kannst Du richtig mit schlechter Laune umgehen?

Schlechte Laune ist normal

Forgas betont, dass wir unbedingt zwischen vorübergehend schlechter Stimmung und Depression unterscheiden müssen. Mal schlecht gelaunt zu sein, ist normal. Doch wird es zum Dauerzustand, kann es unser Leben massiv einschränken. [7]

Nicht zu viel in sich reinhorchen

In einem Interview mit Zeit online erklärt Forgas: »Unsere Stimmungen schwanken ständig, wir erleben an jedem Tag abwechselnd gute und schlechte Stimmungen und hinterfragen nicht die Ursache dafür. Doch selbst wenn, wären wir vermutlich nicht in der Lage, den Grund herauszufinden.« [8] Es sei besser, vorübergehend, schlechte Stimmungen zu akzeptieren, anstatt immer jede Gefühlsregung genau verstehen zu wollen.

Mehr Gelassenheit durch Akzeptanz

Schlechte Laune zulassen – dem stimmen auch Forscher:innen der University of California in Berkeley zu. In drei Experimenten mit 1300 Versuchspersonen untersuchten die Wissenschaftler:innen, welche Auswirkung die Akzeptanz der eigenen Gefühle bei schlechter Laune auf die psychische Gesundheit hat. Dabei zeigte sich, dass Menschen, die ihre schlechte Laune akzeptierten im Mittel zufriedener waren, als diejenigen die gegen ihrer schlechte Stimmung ankämpften. [9] Mehr dazu kannst Du im Geo-Artikel von Solvejg Hoffmann lesen.


QUELLEN

[1] Nesse, R. M. (2004). Natural selection and the elusiveness of happiness. Philosophical Transactions of the Royal Society of London. Series B: Biological Sciences, 359(1449), 1333-1347.

[2] Gruber, J. (2011). Can feeling too good be bad? Positive emotion persistence (PEP) in bipolar disorder. Current Directions in Psychological Science, 20(4).

[3] Forgas, J. P., Goldenberg, L., & Unkelbach, C. (2009). Can bad weather improve your memory? A field study of mood effects on memory in a real-life setting.

[4] Forgas, J. P., Goldenberg, L., & Unkelbach, C. (2009). Can bad weather improve your memory? A field study of mood effects on memory in a real-life setting.

[5] Forgas, J. P. (2019). Happy believers and sad skeptics? Affective influences on gullibility. Current Directions in Psychological Science, 28(3), 306-313.

[6] Unkelbach, C., Forgas, J. P., & Denson, T. F. (2008). The turban effect: The influence of Muslim headgear and induced affect on aggressive responses in the shooter bias paradigm. Journal of Experimental Social Psychology, 44, 1409–1413.

[7] Forgas, J. P. (2013). Don’t worry, be sad! On the cognitive, motivational, and interpersonal benefits of negative mood. Current Directions in Psychological Science, 22(3), 225-232.

[8] Probst, A. (2022). "Schlechte Laune hat einen Sinn". Zeit online. https://www.zeit.de/sinn/2022-01/joseph-forgas-schlechte-laune-emotionen-psychologie?fr=operanews

[9] Ford, B. Q., Lam, P., John, O. P., & Mauss, I. B. (2018). The psychological health benefits of accepting negative emotions and thoughts: Laboratory, diary, and longitudinal evidence. Journal of personality and social psychology, 115(6), 1075.

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