Was macht Krieg mit uns?

Alles zur Betreutes Fühlen-Folge

Weltschmerz, ist gerade das Gefühl von so vielen. Man fühlt sich machtlos, wütend, hat Angst. Dieser Krieg ist zuallererst ein Angriff auf die Menschen in der Ukraine und dann auch ein Angriff auf all unsere Köpfe. Wir sind Frieden gewohnt und jetzt ist plötzlich alles anders. Was macht das mit uns? Wie können wir damit umgehen? Und was macht Hoffnung. Klären wir für euch in einer sehr bewegten Folge.

Wir erleiden aktuell einen Realitätsschock!

Das, was viele von uns momentan trifft ist Realitätsschock. Das zumindest sagt der Autor, Journalist und Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo in seinem Bestseller »Realitätsschock: Zehn Lehren aus der Gegenwart«.

Lobo schreibt: »Realitätsschock bedeutet, dass wir jahrzehntealte Gewissheiten aufgeben müssen, unter anderem, weil wir mit einer Überdosis Weltgeschehen und Komplexität konfrontiert werden. Selbstverständliche Grundannahmen haben sich als unvollständig oder brüchig, manchmal auch als falsch erwiesen. Plötzlich erkennbare, messbare Wahrheiten kollidieren mit bis dahin gut funktionierenden, stimmigen Weltbildern. Die unerwartet vielschichtige Realität stört oder zerstört sorgsam gepflegte Philosophien.« [1]

Weltschmerz – ein romantischer Literaturbegriff

Weltschmerz ist die vorherrschende Stimmung der Melancholie und des Pessimismus, die mit den Dichtern der Romantik assoziiert wird. Der Begriff wurde von dem deutschen Schriftsteller Jean Paul in seinem pessimistischen Roman Selina geprägt und erstmals im Wörterbuch der Brüder Grimm präzise definiert. Es handelt sich um eine tiefe Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt. [2] Der Duden definiert Weltschmerz als »die seelische Grundstimmung prägender Schmerz, Traurigkeit, Leiden an der Welt und ihrer Unzulänglichkeit im Hinblick auf eigene Wünsche, Erwartungen.« Der deutsche Begriff wird z.B. im Englischen oft direkt verwendet, weil es kein direktes Äquivalent gibt.

Warum leiden wir an der Welt?

Das erklärt uns Sabine Döring im Interview mit der Zeit. Sie lehrt Praktische Philosophie an der Uni Tübingen und kennt sich mit Weltschmerz sehr gut aus. Sie sagt: »Beim Weltschmerz sind bestimmte Wunschvorstellungen darüber involviert, wie ich die Welt gerne hätte. Aber leider entwickelt sie sich nicht so, und ich kann nichts daran ändern. Daher rührt dann der Schmerz.« Das heißt weiter, wer zu hohe Erwartungen an die Welt hat, lebt in einer schlechteren Welt.

Krieg in Europa – das Hirn kommt an seine Kapazitätsgrenze

Viele von uns fühlen sich gerade ohnmächtig und verzweifelt. Für Alexandra Marold-Sattler, Klinische Psychologin mit Spezialisierung in Neuropsychologie, nicht verwunderlich. Sie erklärt im Interview mit dem Standard: »Was aktuell passiert, ist im wahrsten Sinne des Wortes unvorstellbar.« Unser Gehirn kann die Information »jetzt ist Krieg« rational aufnehmen, emotional aber nicht fassen. Marold-Sattler sagt auch: »Unsere üblichen Problemlösungsstrategien greifen beim Blick aufs Weltgeschehen nicht mehr, das führt zu Hilflosigkeit.«

Würdest Du für dein Land kämpfen?

Der ukrainische Staat zwingt seine Männer zum Ausharren und Kämpfen. Sie müssen im Land bleiben. Haben diese Männer kein Recht zu fliehen? Ein kritisches Kommentar dazu gibt es in der Zeit von Juliane Frisse.

Weltschmerz und Krieg – Was kannst Du jetzt tun?

Keine Angst vor der Angst!

Was immer Du jetzt fühlst, es ist ok! Deine Gefühle gehören dir. Verurteile dich nicht für sie. Vielleicht kommst Du dir albern vor, weil die Gefahr über 1000 km weit weg. Aber, sie wird uns mental näher gebracht durch laufende Berichterstattung und unseren Social Media-Feed.

Das Gewicht der Welt anerkennen – denn es ist real

Frau Dr. Lee, eine Forscherin, die 2014 mit Dr. Simone Schnall am Institut für Psychologie in Cambridge zusammenarbeitete, hat herausgefunden, dass Menschen, die sich machtlos fühlen, die Welt anders wahrnehmen als Menschen mit einem größeren Gefühl der persönlichen und sozialen Macht. [3]

Die Forscherinnen baten 145 Teilnehmer:innen, eine Reihe von Aussagen zu bewerten, die sie als zutreffend empfanden wie z. B. »Ich kann die Leute dazu bringen, mir zuzuhören.« Diese sollte ihre Überzeugungen über ihre Macht in sozialen Beziehungen messen. Anschließend sollten sie eine Reihe von Kisten heben und das Gewicht schätzen. Die Forscherinnen fanden heraus, dass das Gewicht der Kisten umso höher war, je geringer das soziale Machtgefühl der Probanden:innen war.

Die Studie zeigt zum ersten Mal, dass Macht, ein »psychosoziales« Konstrukt, die Wahrnehmung von Objekten durch die Menschen verändert.

Angst vor Krieg ernst nehmen

»Die Angst vor einem Atomkrieg ist keine völlig irreale Angst. Es bringt deswegen auch nichts, nur mit rationalen Gegenargumenten zu kommen«, sagt Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes gegenüber den Medien.

Nimm deine Gefühle ernst. Drück sie nicht weg, sondern rede darüber. Nimm dich selbst und andere ernst. Und ganz wichtig: Gefühle wie Angst sind kein Dauerzustand! 

Zwischen Freude und Leid – das duale Prozess Modell

Leid darf existieren, auch wenn es dir eigentlich gut geht. Wir dürfen lachen, auch wenn wir über den Krieg fassungslos und verzweifelt sind. Wir müssen uns nicht für unser Privileg schämen. Wir haben ein Recht auf Trauer! Für dieses Hin und Her der Gefühle gibt es sogar ein wissenschaftliches Modell, das duale Prozessmodell von Margaret Stroebe und Henk Schut von der Universität Utrecht. [4]

Need for Closure darf nicht zu Hass führen!

Need for Closure bezeichnet in der Psychologie, den Wunsch nach Gewissheit, danach Dinge abzuschließen. [5] Menschen mit einem hohem Need for Closure legen Wert auf Ordnung, mögen keine Mehrdeutigkeit, treffen Entscheidungen, bilden sich schnell ein Bild und haben eine starke Meinung. Ein aktuelles Beispiel wäre, dass Russland als Feindbild angesehen wird. Somit haben wir einen klaren Gegner. Das ist angenehm für unser Gehirn, kann aber viel Schaden anrichten, da Russ*innen und russischstämmige Menschen in der Regel nicht Schuld an dem Krieg sind.


QUELLEN

[1] Lobo, S. (2019). Realitätsschock: Zehn Lehren aus der Gegenwart+ neu: Der Corona-Schock. Kiepenheuer & Witsch. www.realitaetsschock.de

[2] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21.

[3] Lee, E. H., & Schnall, S. (2014). The influence of social power on weight perception. Journal of Experimental Psychology: General, 143(4), 1719.

[4] Schut, M. S. H. (1999). The dual process model of coping with bereavement: Rationale and description. Death studies, 23(3), 197-224.

[5] Kruglanski, A. W.; Webster, D. M. (April 1996). "Motivated closing of the mind: 'Seizing' and 'freezing'". Psychological Review. 103 (2): 263–83.

>