Warum will ich, dass mich alle mögen?

Alles zur Betreutes Fühlen-Folge

… und was hilft dagegen? „Egal, was alle sagen: mach dein Ding!“ Sowas hört man immer wieder und es ist dumm. Denn natürlich sind uns die anderen nicht egal, natürlich ist uns wichtig, was andere über uns denken und wir wollen auch gemocht werden (also die meisten von uns). Aber es gibt ein „Zuviel“. Dann richtet man sich nur noch danach, was die anderen sagen. Will von ALLEN gemocht werden. Was dagegen hilft, klären wir für euch.

Es soll egal sein, was andere denken. Wirklich?

Offiziell sagen wir, dass es uns egal ist, schreibt Kolumnist David Brooks in der New York Times. Aber in Wirklichkeit ist es uns natürlich nicht egal, was andere Leute denken. Wir sind darauf programmiert, Kontakte zu knüpfen und die Bewunderung anderer zu suchen. Die Evolution erklärt ganz einfach, warum: Fast die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch hing das Überleben der Menschen von der Zugehörigkeit zu eng verbundenen Clans und Stämmen ab. So lässt sich leicht erklären, warum unser Wohlbefinden auch von der Anerkennung durch andere abhängt und warum das menschliche Gehirn die gleichen neuronalen Substrate aktiviert, wenn wir körperlichen Schmerz empfinden und wenn wir soziale Ablehnung erfahren. [1]

Was passiert im Kopf?

Wenn wir darüber nachdenken, was wir in einer bestimmten Situation tun sollen, z.B. ob wir in einer Gruppe das Wort ergreifen sollen, wird ein Netzwerk in unserem Gehirn aktiv, das Psycholog:innen als »Verhaltenshemmungssystem« (BIS – Behavioral Inhibition System) bezeichnen. Dies ermöglicht uns, die Situation zu bewerten und zu entscheiden, wie wir handeln sollen. Forschungen vom niederländischen Sozialpsychologen Cornelis van den Bos an der Universität Utrecht zeigen, dass die Sorge um die Meinung anderer das Verhaltenshemmungssystem aktiv halten kann – auch dann, wenn wir eigentlich handeln wollen. [2]

Wann wird’s zum Problem?

In den schlimmsten Fällen kann sich die Angst vor der Anerkennung durch andere zu einer lähmenden Angst auswachsen und zu einer psychischen Störung entwickeln, z.B. einer sozialen Phobie. Eines der Hauptmerkmale der sozialen Phobie ist die anhaltende Angst, bewertet zu werden. Wichtig: Soziale Phobie ist keine Angst vor Menschen an sich, sondern viel mehr vor deren Bewertungen. Zu den anhaltenden Ängsten bei sozialer Phobie gehören sowohl die Angst vor negativer Bewertung durch andere, als auch die Angst vor positiver Bewertung durch andere. [3] Daraus entsteht das sogenannte »bivalente Modell der Bewertungsangst« (BFOE – the Bivalent Fear Of Evaluation). Grund für die Angst vor positiven Bewertungen ist nach dem britischen, klinischen Psychologen Paul Gilbert, dass Betroffene fürchten, den lobenswerten Zustand nicht aufrecht erhalten zu können. [4]

Es kommt auf unsere »Ablehnungsempfindlichkeit« an

Auch wenn es keine ausgewachsene psychische Störung ist, ein wenig leiden wir alle unter »FOPO« (Fear of Other People’s Opinions), wie der Psychologe Dr. Michael Gervais unsere Bewertungsangst in seinem Artikel der Harvard Business Review nennt. Wie sensibel wir darauf reagieren, wenn wir zurückgewiesen werden, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Wissenschaftlich gesehen hängt es von unserer »Ablehnungsempfindlichkeit« (Rejection Sensitivity) ab. Dieses psychologische Konstrukt besagt, dass Person, die sehr ablehnungssensitiv sind, sehr sensibel auf jegliche Hinweise für potentielle Ablehnung reagieren. Das Social Research Lab an der Columbia University in New York erforscht Rejection Sensitivity intensiv. Sie haben u.a. einen frei zugänglichen Fragebogen erstellt, das Rejection Sensitivity Questionnaire (RSQ), der ängstliche zwischenmenschliche Ablehnungserwartungen erfasst. 

Eigentlich sind wir anderen egal

Die Wahrheit ist: Andere haben viel weniger Meinungen über uns, ob positiv oder negativ, als wir denken. Das zeigen beispielsweise Forschungen unter der Leitung von Psychologieprofessor Kenneth Savitsky vom Williams College in Massachusetts. [5] Außerdem fanden Psychologin Alice Moon und ihrem Team an der University of Pennsylvania heraus, dass wir oft viel strenger mit uns selbst sind als anderen Menschen. Die Forscher:innen nennen das den »Overblown Implications Effect«. [6]

Wie Du dich weniger darum kümmerst, was andere von dir denken

Der Psychologe Nick Wignall hat einige hilfreiche Tipps zusammengestellt, wenn wir dazu neigen, uns übermäßig viele Gedanken dazu zu machen, was andere von uns denken. [7]

Es ist ok, sich Gedanken zu machen, was andere denken

Oft stört es Menschen nicht wirklich, wenn sie sich Gedanken darüber machen, was andere von ihnen denken. Was sie stattdessen stört, ist die riesige Welle von Angst, Scham, Enttäuschung und all die anderen schwierigen Gefühle, die damit einhergehen. All diese Emotionen entspringen nicht so sehr dem grundlegenden natürlichen Instinkt, sich darum zu kümmern, was andere von einem denken, sondern ist vielmehr das Ergebnis der Annahme, dass es schlecht ist, sich darum zu sorgen, was andere von einem denken. Wenn Du stattdessen lernst zu akzeptieren, dass es normal und in Ordnung ist, sich Gedanken darüber zu machen, dann wird deine emotionale Reaktion nicht mehr so unverhältnismäßig hoch sein.

Achte auf dein Sorgenkarusell

Sich Sorgen darüber zu machen, was andere von dir denken, ist nicht das Problem. Schwierig wird es dann, wenn wir uns in endlosen Sorgenschleifen verlieren. Natürlich lassen sich Sorgen nicht so einfach wegschieben. Was aber helfen kann: Plane dir eine fixe Sorgenzeit am Tag. In diesen 10 Minuten dürfen alle Sorgen da sein und Du beschäftigst dich intensiv mit ihnen. Wenn Sorgen wann anders auftreten, versuche diese in die Sorgenzeit zu verschieben.

Kläre deine Werte

Oft sind wir zu sehr darauf fixiert, was andere Leute denken, weil wir nicht genau wissen, was wir eigentlich selber denken. Wenn Du dir über deine Werte nicht im Klaren bist, kannst Du dich sehr leicht in den Werten anderer Menschen verlieren und versuchen, nach ihnen zu leben. Wenn Du dir das nächste Mal Sorgen darüber machst, was andere Menschen von dir denken, stell dir folgende Frage: Was will ich in diesem Moment wirklich?

Baue mehr Selbstvertrauen auf

Selbstvertrauen ist gut, keine Frage. Aber das einfach so aufzubauen, ist eine große, sehr vage Aufgabe. Fokussiere dich deshalb auf einen Aspekt von Selbstvertrauen, nämlich Durchsetzungsfähigkeit. Das beginnt mit Grenzen setzen. Mehr Tipps dazu findest Du in der Folge Ja zum Nein und im Text dazu. 


QUELLEN

[1] Eisenberger, N. I. (2011). Why rejection hurts: What social neuroscience has revealed about the brain’s response to social rejection. Brain, 3(1), 10-1093.

[2] Van den Bos, K. (2013). Meaning making following activation of the behavioral inhibition system: How caring less about what others think may help us to make sense of what is going on.

[3] Weeks, J. W., Heimberg, R. G., & Rodebaugh, T. L. (2008). The Fear of Positive Evaluation Scale: Assessing a proposed cognitive component of social anxiety. Journal of anxiety disorders, 22(1), 44-55.

[4] Gilbert, P. (2001). Evolution and social anxiety: The role of attraction, social competition, and social hierarchies. Psychiatric Clinics, 24(4), 723-751.

[5] Savitsky, K., Epley, N., & Gilovich, T. (2001). Do others judge us as harshly as we think? Overestimating the impact of our failures, shortcomings, and mishaps. Journal of Personality and Social Psychology, 81(1), 44.

[6] Moon, A., Gan, M., & Critcher, C. R. (2020). The overblown implications effect. Journal of Personality and Social Psychology, 118(4), 720.

[7] Wignall, N. (2022). How to Care Less About What Other People Think of You.

>