Was schulden wir unseren Eltern?

Alles zur Betreutes Fühlen-Folge

Gar nichts! Sagen viele. Aber ist es so einfach? Selbst Kinder, die schlecht behandelt wurden, haben oft das Gefühl, ihren Eltern doch etwas zu schulden. Wir klären, woher das kommt und zeigen auch, warum es schön sein kann, das Gefühl zu haben, dass man den Eltern etwas schuldig ist. Respekt zum Beispiel. Oder Dankbarkeit.

Warum fühlen wir uns schuldig?

Eine Studie unter der Leitung von Dr. Laura Gallego-Alberto an der Autonomen Universität Madrid hat herausgefunden, dass sich Menschen, die sich um demenzkranke Familienangehörige kümmern, schuldig fühlen. [1] Konkret lässt sich diese Schuld in 7 Kategorien aufgliedern:

1. Schuldgefühle aufgrund der eigenen Handlungen
2. Schuldgefühle durch das Erleben negativer Emotionen
3. Schuldgefühle durch Beziehungsveränderungen
4. Schuldgefühle wegen Vernachlässigung anderer Bereiche
5. Schuldgefühle, die von der betreuten Person verursacht werden
6. Schuldgefühle, die von anderen Menschen verursacht werden
7. Sonstige Gefühle, die zwar nicht als Schuldgefühle erkannt werden, aber diesen sehr ähnlich sind. 

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Family Estrangement – Kontaktabbruch mit den Eltern

Die Studie oben zeigt, das Kümmern und Pflegen kranker Eltern. Jetzt schauen wir auf das Gegenteil: Warum trennen sich Erwachsene von ihren Eltern? Polarisierende (politische) Ansichten und ein wachsendes Bewusstsein dafür, wie sich toxische Beziehungen auf unsere psychische Gesundheit auswirken können, schüren die Entfremdung zur eigenen Familie, sagen Psycholog:innen. Ausführlicher wird das Phänomen des »Family Estrangement« in einem spannenden BBC-Artikel beschrieben.

Wir schulden unseren Eltern nichts!

Diese Ansicht vertritt die schweizer Moderatorin und Philosophin Barbara Bleisch. In ihrem Buch »Warum wir unseren Eltern nichts schulden« findet sie klare Worte: Wir haben keinerlei filiale Pflichten gegenüber unseren Eltern – also solche Pflichten, die allein daraus erwachsen, dass wir die Tochter oder der Sohn von jemandem sind. Barbara Bleisch hat dem Spiegel ein interessantes Interview zu diesem Thema gegeben. Wenn Du dich noch tiefer mit der philosophischen Sicht und der Frage, was wir unseren Eltern schulden, auseinandersetzen willst, hat das Philosophie-Magazin einen umfassenden Artikel dazu. 

Familiy Loyalty

Psychologisch gesehen haben wir ein starkes Band zu unseren Eltern, die sich zum einen evolutionär erklären lässt und andererseits durch »Family Loyalty« geprägt ist.

Loyalität für die Familie entsteht in einer Gruppe von Menschen, die durch verwandtschaftliche Beziehungen miteinander verbunden sind. [2] Family Loyalty umfasst eine emotionale Komponente (ein Gefühl der Loyalität), eine kognitive Komponente (Überzeugungen und Erwartungen), ein gewisses Gefühl der Verpflichtung  und Verhaltensweisen, die die Loyalität manifestieren.

Dass Loyalitätskonflikte im Familiengefüge ein wesentlicher Aspekt der mentalen Gesundheit sind, betont vor allem die kontextuelle Therapie (Contextual Therapy) entwickelt von dem ungarischen Arzt, Psychotherapeuten und Hochschullehrer Ivan Boszormenyi-Nagy. [3] 

Eltern stehen über Peers

Eine Studie an der University of California zeigte mit Hilfe des Columbia Card Task, dass junge Erwachsene, Eltern gegenüber ihren gleichaltrigen Freund:innen präferieren. [4] Dass heißt, die Wissenschaftler:innen zeigten in mehreren Experimenten zu sozialer Präferenz, dass die Teilnehmer:innen bei theoretischen Geldentscheidungen ihren Eltern den Vorrang vor ihren Freunden gaben. 

Wie kann ich der Schuld gegenüber den Eltern begegnen?

In dem Buch »Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen: Vom Mut zum selbstbestimmten Leben« beschreibt Michael Bordt, Professor an der Hochschule für Philosophie in München, wie Du, einen individuellen Weg finden kannst, um Frieden mit deinen Eltern zu finden und auch dem begegnen kannst, sie zu enttäuschen. Es geht darum die Realität zu sehen, »stimmig« zu leben und auch die Sicht der Eltern nicht zu vergessen.


QUELLEN

[1] Gallego-Alberto, L., Losada, A., Cabrera, I., Romero-Moreno, R., Pérez-Miguel, A., Pedroso-Chaparro, M. D. S., & Márquez-González, M. (2020). “I feel guilty”. Exploring guilt-related dynamics in family caregivers of people with dementia. Clinical Gerontologist, 1-10.

[2] Glebova T., Gangamma R. (2019) Family Loyalty. In: Lebow J.L., Chambers A.L., Breunlin D.C. (eds) Encyclopedia of Couple and Family Therapy. Springer, Cham.

[3] Ducommun-Nagy C. (2019) Contextual Family Therapy. In: Lebow J.L., Chambers A.L., Breunlin D.C. (eds) Encyclopedia of Couple and Family Therapy. Springer, Cham.

[4] Guassi Moreira, J. F., Tashjian, S. M., Galván, A., & Silvers, J. A. (2018). Parents Versus Peers: Assessing the Impact of Social Agents on Decision Making in Young Adults. Psychological Science, 29(9), 1526–1539.

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