Du bist mehr als Du

Alles zur Betreutes Fühlen-Folge

Heute geht es um Therapie mit dem ganzen System, und zwar nehmen wir uns die sogenannte Systemische Therapie vor. Warum? Weil die einen ganz spannenden Ansatz statt: Statt nur auf einen selbst, schauen wir dabei auf unser ganzes Umfeld – quasi Therapie zusammen mit der besten Freundin, dem Vater, der Chefin und dem Partner. Mit dabei ist auch ein absoluter Experte auf dem Gebiet Prof. Dr. Björn Enno Hermans, der Tipps und Techniken aus seinem Praxisalltag mit uns teilt.

Unser Gast

Zu Wort kommt in der heutigen Folge ein absoluter Experte auf dem Gebiet der Systemischen Therapie, Prof. Dr. Björn Enno Hermans, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut in eigener Praxis in Essen. Er ist Professor für Systemische Therapie und Beratung an der MSH Medicalschool Hamburg. Von 2010-2019 gehörte der dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) an und war dort auch Vorsitzender.

Außerdem betreibt er seit einigen Monaten mit seinem Kollegen Sebastian Baumann den Podcast »…der Systemische Psychotherapie-Podcast«. Dort kannst Du so richtig in die Systemische Welt einsteigen. Hör auf jeden Fall mal rein!

Von der Familientherapie zur Systemischen Therapie

Die Systemische Therapie hat eine interessante Entwicklung erlebt. Sie entstand aus der familientherapeutischen Bewegung in den Fünfzigern und Sechzigern. Zentral war, dass der therapeutische Blick vom Individuum auf sein Beziehungsumfeld erweitert wurde. Auf der Website der DGSF bekommst Du einen ausführlichen Überblick über die Geschichte der Systemischen Therapie. Außerdem bietet das »Lexikon der Psychologie« von Spektrum eine spannende Übersicht.

Kennst Du schon Leons Klub? Dort begibst Du dich gemeinsam mit Leon und anderen Mitgliedern auf eine spannende Reise in die Welt der Psychologie. Teste den Klub für 21 Tage!

Kampf um Zulassung

Die Systemische Therapie hat lange für die Zulassung in Deutschland gekämpft. Seit Juli 2020 ist sie endlich das vierte anerkannte Richtlinienverfahren – zumindest für die Behandlung von Erwachsenen. Das heißt die Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine psychotherapeutische Behandlung durch eine/n systemische/n Psychotherapeut:in. Allerdings ist es aktuell noch sehr schwierig, weil wenige Psychotherapeut:innen eine Kassenzulassung haben, wie uns die DGSF mitteilt.

Suchst Du nach Systemischen Therapeut:innen? Am besten findest Du die über die Psychotherapeut:innensuche der Landespsychotherapeutenkammern.

Ein Kriterium, wann eine Psychotherapieart in Deutschland als Kassenverfahren zugelassen wird, ist das Vorliegen wissenschaftlicher Nachweise für deren Wirkung. Das ist für die Systemische Therapie seit 2008 offiziell der Fall, als der Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie dieses Verfahren als wissenschaftlich anerkannt deklariert, wie der Spiegel berichtet.

Auf der Website systemisches.de finden sich aktuell 784 Publikationen, die die Wirksamkeit von Systemischer Therapie bei psychischen Störungen belegen.

Was ist psychisch krank laut Systemischer Therapie?

Bei einer systemischen Betrachtung geht es immer um eine Wechselwirkung zwischen biologischen und psychischen Eigenschaften einerseits und sozialen Einflüssen andererseits. Die DGSF schreibt, psychische Störungen werden als Störung der Systemumweltanpassung definiert.

Systemische Therapeut:innen haben einen vollen Werkzeugkoffer mit Methoden und Techniken, um diesen Anpassungsproblemen zu begegnen. Unser Experte Enno erklärt z.B., dass er viel lieber fragt wozu ein Verhalten dient statt das Warum zu klären. Außerdem ist es wichtig, dass der/die Therapeut:in neugierig ist, was Enno mit einem Zitat nach Niklas Luhmann deutlich macht: Es ist wichtig, »den Mut zu haben, das Risiko einzugehen, dem Anderen eine gute Absicht zu unterstellen«.

Außerdem ist ganz wichtig, dass Systemische Therapie lösungs- und ressourcenorientiert arbeitet. Psychische Symptome werden demnach nicht als krankhaft abgestempelt, sondern schon als eine Art erster Lösungsversuch gesehen, den es dann durch andere Lösungen zu ersetzen gilt, sagt Enno. 

Techniken der Systemischen Therapie

Natürlich sollten therapeutische Methoden außerhalb von Psychotherapie mit Fachkräften immer mit Vorsicht angewandt werden. Wenn Du professionelle Unterstützung brauchst, scheu dich nicht, nach Hilfe zu suchen. Besser einmal mehr als einmal zu wenig. Hier findest Du einen Überblick wichtiger Anlaufstellen.

Dennoch sind viele Methoden der Systemischen Therapie auch spannend für den Alltag. Deshalb schauen wir uns einige davon an.

Vorab noch eine kleine Empfehlung: Der YouTube-Kanal »Videos aus der systemischen Welt« von Jan Uekermann und Dieter Salomon von systemische-welt.de. Sie erklären alltagsnah Systemische Techniken in kurzen Videos.

Systemische Fragen

Systemische Therapie bietet eine Vielzahl an spannenden Fragetechniken. Grundsätzlich sind Systemische Fragen Möglichkeitsfragen. Das heißt, es geht darum, sich vorzustellen, wie etwas ist oder wäre. Viele Fragen beginnen mit »Angenommen, …«, z.B. »Angenommen, der Konflikt wäre bereits gelöst, wie würde sich das auf die Kommunikation zwischen dir und deinem Kind auswirken?«

Klassisch sind sogenannte Zirkuläre Fragen, Ressourcenfragen, Verflüssigungsfragen, Externalisierungsfragen, Skalierungs- und Verschlimmerungsfragen, Fragen nach Ausnahmen, Worst-Case-Fragen oder die Wunderfrage.

Für einen genaueren Einblick in diese Fragetechnicken, schau gerne auf dem YouTube-Kanal »Videos aus der systemischen Welt« vorbei.

Weitere Techniken

In der Systemischen Therapie gibt es noch viele weitere Methoden. Einige davon beschreibt Dr. Jeremy Sutton auf PositivePsychology.

Reframing, Vision Statements, Systemische Aufstellungen, Systembrett, Netzwerkkarten und Familienwappen – nur einige der häufig angewandten Techniken in der Systemischen Therapie. 


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