Warum wir lügen

Alles zur Betreutes Fühlen-Folge

Heute entlarven wir Lügen. Oder doch nicht? Wir flunkern alle mal. Das kann unterschiedlich aussehen – Unwahrheiten gehen von der alltäglichen Notlüge bis hin zur bewussten Manipulation. Lügen ist schlecht, das lernen schon die Kleinsten. Doch schauen wir genauer hin, entdecken wir: Lügen haben viele Schattierungen, auf jeden Fall eine schwarze, weiße und – blaue. Die Unwahrheit lässt sich nicht so leicht entdecken, wie wir glauben. Die Psychologie geht sogar noch einen Schritt weiter: wir sind richtig grottig, wenn wir Lügenmärchen über einen ausweichenden Blick, schwitzige Hände oder Herumgestammel aufdecken wollen. Deshalb ändern wir heute unsere Strategie.

Lügen als Teil unserer menschlichen Natur

Die Forschung spekuliert, dass Lügen nicht lange nach der Entstehung der Sprache aufkam. [1] Bereits Zweijährige wissen, wie sie die Unwahrheit sagen und diese zu ihrem Vorteil nutzen können, weiß der Psychologe Kang Lee von der Universität Toronto. Er präsentiert seine Forschung in einem beeindruckenden TED-Talk mit deutschen Untertiteln.

Für den Forscher sind Lügen eine wesentliche Komponente der gesunden Entwicklung, die auf Selbstkontrolle und der sogenannten Theory of Mind beruht. [2]

Trotz alledem sind wir eine »truth-default«-Spezies. [3] Das heißt, grundsätzlich gehen wir davon aus, dass Menschen die Wahrheit sagen. Es ist eine Form von implizitem Vertrauen.

Leon und Atze haben sich schon mal über Lügen und Manipulation unterhalten. Hör dazu gerne rein in die Folgen »Wahrheit« und »Das Spiel der Manipulation«.

Black, White und Bue Lies – Lüge ist nicht gleich Lüge

Radical Honesty – immer die Wahrheit sagen! Wir trichtern es unseren Kindern ein und halten uns selbst nicht daran. [4] Lügen sind nicht per se schlecht. Wir brauchen einen nuancierten Blick. Dabei hilft uns, das Einteilen in 3 Lügen-Kategorien [5]:

Black Lies: Hier geht um’s Erlangen eines persönlichen Vorteils.

White Lies (vergleichbar mit einer Notlüge): Sanfte Unwahrheiten, die wir nutzen, um die Gefühle anderer nicht zu verletzen.

Blue Lies: Lügen im Namen der Gruppe. Meistens kommen dabei Menschen außerhalb meiner Gruppe zu schaden.

Während Notlügen Menschen zusammenbringen, bringt ihr blauer Cousin Menschen in derselben Gruppe zusammen, während er gleichzeitig andere abstößt, so eine Studie unter der Leitung von Psychologen Kang Lee von der Universität Toronto [6]

Außerdem zeigen Studien, dass die meisten von uns nicht radikal lügen, sondern nur ein bisschen, weil wir uns selbst Grenzen beim Lügen setzen. [1] 

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Lügen erkennen ist schwer

Auch, wenn wir das denken, wir können Lügen nicht durch bloßes Hinsehen erkennen. Das zeigt die Wissenschaft deutlich. [7] Wir glauben zu wissen, wie Lügen funktionieren. Aber wir sind nicht besser als der Zufall, wenn es darum geht, Lügen ausfindig zu machen. [8] Dabei ist es egal, ob die Leute mit Lügen im Beruf zu tun haben, wie Polizeibeamt:innen, oder nicht. [9] Auch auf Lügendetektoren ist leider kein Verlass. [10]

Wie können wir Lügen wirklich erkennen?

Psychologe Kang Lee hat in seiner Forschung eine Methodik gefunden, die Lügen sichtbar machen können: transdermale optische Bildgebung. Die Technologie dieses Verfahrens beruht auf unserem Blutfluss im Gesicht. Dieser verändert sich, wenn wir lügen und können bildlich wahrgenommen werden. Das alles ist nicht-invasiv mit 85 Prozent Trefferquote wesentlich exakter als Lügenerkennung durch nonverbale Merkmale.

Da wir nicht alle ein solches Verfahren anwenden können, gibt es andere Wege, Lügen eher zu erkennen als durch nonverbale Hinweise.

In einem Artikel vom Philosophen Jonny Thomson werden 3 Strategien angeführt [11]:

1. Lass Leute reden und warte, ob sie sich in Unwahrheiten verstricken.

2. Kommen Emotionen in den Erzählungen vor? Wenn emotionale Ausführungen fehlen, kann das ein Hinweis auf Unwahrheit sein.

3. Beschäftige sie, sodass sie wenig mentale Kapazitäten übrig haben zum Lügen.


QUELLEN

[1] Winters, D. (2017). Why We Lie: The Science Behind Our Deceptive Ways. National Geographic.

[2] Vendeville, G. (2018). Learning to lie has cognitive benefits: U of T study. University of Toronto. 

[3] Levine, T. R. (2014). Truth-default theory (TDT) a theory of human deception and deception detection. Journal of Language and Social Psychology, 33(4), 378-392.

[4] LeTourneau, N. (2002). Umass researcher finds most people lie in everyday conversation.

[5] Brown, J. (2017). People Don’t Mind Lying If They Think It’s for a Good Cause. TheCut. 

[6] Fu, G., Evans, A. D., Wang, L., & Lee, K. (2008). Lying in the name of the collective good: A developmental study. Developmental science, 11(4), 495-503.

[7] Morgan, N. (2022). Can You Spot a Lie? How good are we really at detecting lies? Psychology Today. 

Seigel, J. (2021). Why You Can’t Spot a Liar Just by Looking. Smithsonian Magazine. 

[8] DePaulo, B. M., Lindsay, J. J., Malone, B. E., Muhlenbruck, L., Charlton, K., & Cooper, H. (2003). Cues to deception. Psychological bulletin, 129(1), 74.

Bond Jr, C. F., & DePaulo, B. M. (2006). Accuracy of deception judgments. Personality and social psychology Review, 10(3), 214-234.

Luke, T. J. (2019). Lessons from Pinocchio: Cues to deception may be highly exaggerated. Perspectives on Psychological Science, 14(4), 646-671.

[9] Vrij, A., & Mann, S. (2001). Telling and detecting lies in a high‐stake situation: The case of a convicted murderer. Applied Cognitive Psychology: The Official Journal of the Society for Applied Research in Memory and Cognition, 15(2), 187-203.

Vrij, A., & Mann, S. (2001). Who killed my relative? Police officers' ability to detect real-life high-stake lies. Psychology, Crime & Law, 7(2), 119-132.

[10] The Truth About Lie Detectors (aka Polygraph Tests). (2004). American Psychological Association.

[11] Thomson, J. (2022). 3 rules to catch a liar. Big Think. 

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