3 Jahre Betreutes Fühlen - mit Tommi Schmitt

Alles zur Betreutes Fühlen-Folge

Drei Jahre Betreutes Fühlen. In dieser Zeit ist so viel passiert – Besuch im Frühstücksfernsehen, zu Hause bei Günther Jauch, Spikeball-Hass, Sprachfehler und natürlich ganz viel Psychologie von Leon und Lebensweisheiten von »Zitatze«. Für unsere Jubiläumsfolge haben wir uns außerdem einen ganz besonderen Gast eingeladen: Tommi Schmitt. Mit ihm quatschen wir über Ruhm, plötzlich berühmt sein, unsere 3 unterschiedlichen Selbsts und wie das so ist, plötzlich (ungewollt?) im Rampenlicht zu stehen.

»The Fame Motive« – der Drang nach sozialer Anerkennung

Umfragen in chinesischen und deutschen Städten haben ergeben, dass etwa 30 Prozent der Erwachsenen regelmäßig davon träumen, berühmt zu sein, und mehr als 40 Prozent erwarten, dass sie irgendwann im Leben in den Genuss eines gewissen Maßes an Ruhm kommen, so die von Psychologen Dr. Orville Gilbert Brim analysierten Daten. [1] Für die allermeisten gibt es allerdings Ziele, die über dem Berühmt sein stehen. Nur bestimmte Menschen glauben, alleinig über Ruhm und Fame ihrem Leben einen Sinn zu geben, so Tim Kasser, Psychologe am Knox College in Galesburg, Illinois.

Wie geht es berühmten Menschen? Macht Ruhm glücklich? Dazu gibt es wenige Untersuchungen. Einig sind sich Wissenschaftler:innen, dass Ruhm trotz aller Belohnungen auch seine Opfer fordern kann. Vor allem ein erhöhter Selbstbezug sei kritisch und kann zu überzogenen Erwartungen an einen selbst führen, erklärt Mark Schaller, Psychologe an der Universität von British Columbia. [1]

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Ab wann gilt man als berühmt?

Um diese Frage zu beantworten, hat der Soziologe Prof. Dr. Hermann Strasser sich mit der vorhandenen Literatur beschäftigt.

Er definiert Berühmt sein nach 3 Kriterien: »Erstens wird der Prominente von mehr Leuten erkannt, als er selbst kennt. Zweitens sind Promis ständig überall zu sehen, auf allen Kanälen und in allen Spalten der Presse. Drittens versuchen Promis, ihren Status durch eine soziale Haltung zu bekräftigen, um so den Erwartungen der Öffentlichkeit zu entsprechen.« [2]

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Wenn der Ruhm zu viel wird – die Influencer:innen-Psychologin

Franziska Koletzki-Lauter ist Diplompsychologin und hat sich darauf spezialisiert, Influencer:innen bei psychischen Problemen zu helfen. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel verrät sie, dass die Betroffenen aus ganz unterschiedlichen Gründen zu ihr kommen: Manche spüren z.B. einen zu hohen Erwartungsdruck, andere haben Selbstwertprobleme.

Die Fassade aufrecht erhalten – »Surface Acting«

Wenn man im Rampenlicht ein Bild aufrecht erhalten muss, dann kommt es schnell zum sogenannten »Surface Acting«. Das heißt im psychologischen Sinne, einen gewünschten Gefühlsausdruck zu liefern, obwohl die zugehörige Emotion nicht da ist. Es ist ein »so tun als ob«, das wir erst mal alle kennen. Aber wenn wir das ständig machen, wie manche Influencer:innen oder Promis, kann es kippen und unserem Wohlbefinden schaden. [3] 

Konflikte unserer 3 Selbsts

Wenn Menschen berühmt sind, können sich außerdem Konflikte zwischen unseren 3 Selbsts verstärken. Diese entstammen der sogenannten Self-Discrepancy Theory vom amerikanischen Psychologieprofessor Tory Higgins.[4]

Er beschrieb bereits 1987 drei Selbstzustände: das Actual Self, das Ideal Self und das  Ought-Selbst. 

Das Actual Self, das »aktuelle Selbst«, ist das Selbst, das wir glauben, zu sein. Es fasst unsere Eigenschaften, unsere Fähigkeiten, unser Denken, Fühlen und Handeln zusammen, so wie wir uns selbst sehen.

Das Ideal Self, das »ideale Selbst«, zeigt auf, wie wir gerne sein möchten. Es beschreibt die Idealvorstellung. Da wollen wir hin. 

Das Ought Self, das »sollte Selbst«, ist die Vorstellung von den Eigenschaften, die wir nach Ansicht anderer besitzen sollten oder müssten. [5]

Wenn z.B. unser Ought Self vom Actual Self abweicht, fühlen wir uns nicht wohl. Diese Selbstkonflikte kennt jede:r und ist normal. Aber wie beim Surface Acting gibt es auch hier ein zu viel – das beobachten wir regelmäßig bei Promis, die dem Druck ihres Sollte-Selbsts nicht mehr standhalten können.

Es ist wichtig, die Balance zwischen den drei Selbsts zu finden und keinem zu viel Macht zu geben. Dabei kann es hilfreich sein, immer mal wieder einen Blick von außen auf die Situation zu werfen. Ganz besonders gut klappt das, wenn Du dir dazu Feedback von liebevollen Kritiker:innen (»loving critics«) holst – also von Menschen, die dein Bestes im Sinn haben und bereit sind, dir die Wahrheit zu sagen. [6]


QUELLEN

[1]  Carey, B. (2006). The Fame Motive. The New York Times. 

[2] Wunsch und Wirklichkeit. Abi.de

[3] Emotionsarbeit: Surface Acting und Deep Acting (2016). Universität Hamburg. 

Sciotto, G., & Pace, F. (2022). The Role of Surface Acting in the Relationship between Job Stressors, General Health and Need for Recovery Based on the Frequency of Interactions at Work. International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(8), 4800.

Küpers W, & Weibler, J. (2005). Emotionen in Organisationen.Stuttgart: Kohlhammer, S. 141.

[4]  Higgins, E. T. (1987). Self-discrepancy: a theory relating self and affect. Psychological review, 94(3), 319.

[5] Selbstdiskrepanz. Dorsch – Lexikon der Psychologie. 

[6] Eurich, T. (2018). What Self-Awareness Really Is (and How to Cultivate It). Harvard Business Review.

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