Bist du sex-positiv?

Alles zur Betreutes Fühlen-Folge

Sexualität frei leben, jenseits der Norm inklusive Fetisch, offener Beziehung und Vulva Watching. Anghänger:innen der Sexpositiv-Bewegung wollen Grenzen und herkömmliche Moralvorstellunge sprengen. Durch feministischen Aktivismus geprägt, kommt das freie, sexuelle Lebensgefühl heute im Mainstream an und lässt kritische Stimmen laut werden. Sind sie berechtigt? Sex-Positivität ist viel mehr als nur Sex. Was wir genau für »echten« positiven Sex brauchen, verrät uns ein Blick in die Psychologie.

Was ist Sex-Positivität?

Wir leben in einer Sex-positivien Geseschaft [1], sind offen gegenüber dem, wie andere ihre Sexualität ausleben, gehen auf Sex Positive Partys oder zum Vulva-Watching.

Sexpositivität ist mehr als sexuelle Freiheit mit feministischen Zügen – es geht um sexuelle und erotische Einzigartigkeit von allen Menschen. So schreiben es die beiden Sexualberaterinnen Beatrix Roidinger und Barbara Zuschnig in ihrem Buch »Sexpositiv. Intimität und Beziehung neu verhandelt«.

Einen globalen Wandel in der Einstellung zur Sexualität gab es 2002, als die Weltgesundheitsorganisation ihre Definition von sexueller Gesundheit dahingehend aktualisierte, dass sie Vergnügen, Sicherheit, das Fehlen von Zwang und die Freiheit von Gewalt und Diskriminierung einschließt – ein Ansatz, der die positiven Aspekte von Sex anerkennt, anstatt sich auf die Risiken zu konzentrieren. [2]

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Kritische Stimmen zur Sex-Positivität

Die Entstehung von Sex-Positivität keimte auf den Boden der sexuellen Ungerechtigkeit der Geschlechter und der Limitationen im Ausleben einer individuellen und vielschichtigen Sexualität. Das befürworten die meisten.

Trotzdem sehen einige eine Verzerrung des Ursprungsgedanken. »Sex-Positivität« werde durch’s Ankommen im Mainstream verzerrt und aus dem Kontext gerissen. [3]

Zum Beispiel kritisiert Christine Emba, Washington Post Kolumnistin und Autorin von »Rethinking Sex: A Provocation«, dass sexueller Konsens eine Legitimierung für alles ist. Konsens mache so viel mehr aus, als einmal zum Sex zuzustimmen. [4] Das sehen auch die beiden Autorinnen Beatrix Roidinger und Barbara Zuschnig, die vom Konsens als Prozess sprechen. [5]

Außerdem scheitere eine kritische Auseinandersetzung auch daran, dass es keine einheitliche Definition von Sex-Positivität gibt. [6]

Auch schnappen sich vermehrt Unternehmen den Begriff für ihr Marketing, ohne sich wirklich mit den Werten von Sex-Positivität auseinanderzusetzen. [6]

Birgit Schmid schreibt außerdem in der Neuen Züricher Zeitung, dass der Begriff selbst normativ funktioniert. Das heißt, wer nicht der hedonistischen Idee von Sexualität zustimme, sei verklemmt, also sex-negativ? [7]

Männer können das Gefühl haben, dass sie kein Teil der Bewegung sind. Berechtigt? Manche sagen ja. [8] Dabei spüren Männer ebenfalls Druck beim Sex [9] und dieser Ausschluss von Männern scheint nicht dem Grundgedanken von Sex-Positivität zu entsprechen. [5]

Pornographie ist ebenfalls ein Streitthema bei der Sex-Positivität. Hier gibt es Gegner:innen und Befürworter:innen. [10]

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Was ist jetzt wirklich eine gesunde Sexkultur? – Es hilft der Blick in die Wissenschaft

Eine forschungsbasierte Auseinandersetzung mit positiver Sexualität betreibt das Center for Positive Sexuality in Los Angeles.

Der 2007 gegründete Bildungs- und Forschungsverband sieht es als seine Aufgabe, durch Vorträge, Materialien und Informationen über aktuelle Forschung und Ressourcen sexpositive Aufklärung zu betreiben.

Ihre Definition von positiver Sexualtität umfasst 8 Prinzipien, die vom Fokus auf Stärken, Wohlbefinden und Glücklichsein, über individuelle Sexualität, hin zu einer interdisziplinären, friedlichen Auseinandersetzung mit dem Thema. [11]

Forschungen haben gezeigt, dass eine positiv gelebte Sexualtiät das allgemeine Wohlbefinden steigern kann. [12]

Tipps für »echten« positiven Sex

Ganz viele Anstöße, wie man positive Sexualität leben kann, wie sie in ihren Grunzügen verstanden wird, finden sich in dem Buch der Sexualberaterinnen Beatrix Roidinger und Barbara Zuschnig »Sexpositiv. Intimität und Beziehung neu verhandelt«.

Sie sprechen von der Wichtigkeit Selbstverantwortung zu übernehmen. Dabei kann helfen, die sexuelle Selbstwahrnehmung zu steigern, z.B. mit diesen 3 Fragen:

1. Warum habe ich Sex?
2. Was macht mich an?
3. Wie habe ich von Sex erfahren/über Sex gelernt? [13]

Außerdem raten Roidinger und Zusching zum Aufsuchen sexpositiver Orte. Auf ihrer Website haben sie dazu sogar eine Liste für den deutschsprachigen Raum angelegt.

Zudem sagen die beiden Sexualberaterinnen, dass Lust eine Entscheidung ist und eine Investition in die eigene sexuelle Karriere wichtig ist, wenn man positive Sexualität leben will. [5]

Um die Konsens-Frage schlagen sie ein aus der BDSM-Szene bekanntes Tool vor: Das Ampelsystem. Grün heißt, alles ist gut. Gelb, das passt gerade noch so, aber etwas sollte sich ändern. Und Rot zeigt eindeutig »Stopp«. Hier wurde eine Grenze überschritten. 


QUELLEN

[1] Klein, V., & Brunner, F. (2018). Zwischen Liberalität und Retraditionalisierung–Einstellungen zu sexualitätsbezogenen Themen in Deutschland. Zeitschrift Für Sexualforschung, 31(03), 250-262.

[2] Sexual Health. WHO.

[3] Holden, M. (2021). These Gen Z Women Think Sex Positivity Is Overrated. Buzz Feed News. 

[4] Illing, S. (2022). Why Americans aren’t happy with their sex lives. Vox. 

[5] Roidinger, B., & Zuschnig, B. (2021). Sexpositiv. Intimität und Beziehung neu verhandelt. Goldegg Verlag. 

[6] Klein, J. (2021). What does 'sex positivity' mean? BBC. 

[7] Schmid, B. (2021). Die Peitsche unter dem Weihnachtsbaum: Warum sich heute alle sexpositiv nennen. Neue Züricher Zeitung.

[8] Engle, G. Why Men Feel Left Out of The Sex Positivity Movement.

[9] Kalus, D. (2022). "Das Schnelle, Harte hat mich immer genervt". Ze.tt.

[10]  Mosher, C. M. (2017). Historical perspectives of sex positivity: Contributing to a new paradigm within counseling psychology. The Counseling Psychologist, 45(4), 487-503.

[11] Williams, D. J., Thomas, J. N., Prior, E. E., & Walters, W. (2015). Introducing a multidisciplinary framework of positive sexuality. Journal of Positive Sexuality, 1(1), 6-11.

[12] Anderson, R. M. (2013). Positive sexuality and its impact on overall well-being. Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz, 56(2), 208-214.

Higgins, J. A., Mullinax, M., Trussell, J., Davidson Sr, J. K., & Moore, N. B. (2011). Sexual satisfaction and sexual health among university students in the United States. American journal of public health, 101(9), 1643-1654.

Debrot, A., Meuwly, N., Muise, A., Impett, E. A., & Schoebi, D. (2017). More than just sex: Affection mediates the association between sexual activity and well-being. Personality and Social Psychology Bulletin, 43(3), 287-299.

[13] Solomon, A. H. (2020). Great Sex Begins with Sexual Self-Awareness. Psychology Today.

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